Faszien, Faszien, Faszien – viele reden davon, sie scheinen angeblich für vieles gut und für diverse Zipperlein verantwortlich zu sein. Die Fitness-Industrie überschlägt sich mit „faszialen“ Angeboten. Aber was sind Faszien eigentlich? Wo befinden sie sich im Körper? Welche Eigenschaften und Aufgaben haben sie?

Die Nicht-Vegetarier/Nicht-Veganer unter uns, die der Leidenschaft des Kochens nachgehen, haben Faszien sicher schon gesehen, berührt und verflucht. Zum Beispiel hüllen sie Muskelfleisch – sehr schön bei einem Stück Hühnchenbrust zu sehen – als milchig weiße oder silbrig schimmernde dünne Membran ein.

Beim Versuch, diese Hülle zu entfernen, reißt man eher Fleischfasern heraus, weil sich die Hülle ins Innere des Fleisches fortzusetzen scheint. Und an einige Stellen verdickt sie sich zu einem festen Strang, dessen Entfernung auch mit einem scharfen Messer einige Geduld erfordert.

Alle, die kein Fleisch essen, mögen mir die Vergleiche verzeihen und dürfen sich weiter unten über ein anderes Bild freuen. Aber was für das Muskelfleisch von Tieren beschrieben wurde, trifft auch auf die menschliche Muskulatur zu: sie wird umhüllt und durchdrungen von Faszien.

Eine Frage der Definition

Beginnen wir etwas formaler. Das Wort Faszie ist vom lateinischen Wort ‚fascia‘ abgeleitet, was soviel wie Binde, Band oder Bündel bedeutet. Eingedeutscht würde man von Bindegewebe sprechen. Das kommt einem irgendwie bekannt vor, führt aber eher zu Missverständnissen.

Denn medizinisch gesehen gehören unter anderem Knochen und Blut zum Bindegewebe, da hier bei der Einteilung der Gewebe nur auf die Zelleigenschaften, die Zellzwischenräume und die embryonale Entwicklungsgeschichte geschaut wird. Knochen und Blut sind jedoch nicht Gegenstand der Faszienforschung, obwohl erstere für das Verständnis der Bewegungsfunktion essentiell sind und außerdem die Knochenhaut (das Periost) schon wieder nicht so eindeutig aus der Faszienwelt herausgezogen werden kann. Die äußere Knochenhautschicht (stratum fibrosum) ist bindegewebsartig.

Also haben sich Anatomen jüngst auf folgende tolle Definition geeinigt:

”A fascia is a sheath, a sheet, or any other
dissectible aggregation of connective tissue that
forms beneath the skin to attach, enclose, and
separate muscles and other internal organs“

Hört sich kompliziert an. Wer genau hinschaut, entdeckt die Hüllen und das Wort ‚dissectible‘. Anatomen präparieren gern etwas eindeutig heraus, um es zu benennen und zu beschreiben. Diese Definition würde Sehnen, Bänder und Gelenkkapseln nicht mit einschließen und wäre auch vor dem Hintergrund der Zerteilung in kleine Abschnitte dem ganzheitlichen Blick einer Gesundheits- und Bewegungsorientierung nicht zuträglich.

Deshalb haben die Faszienforscher gleich noch eine sogenannte funktionelle Begriffsbildung dazu geliefert, die das Fasziensystem als zusammenhängendes Netzwerk faseriger, kollagener Bindegewebe definiert, deren Form und Aufbau maßgeblich durch Zugkräfte bestimmt wird.

Nicht minder kompliziert. Für unsere Betrachtungen sind die Wörter Netzwerk, Kollagenfaser und Zugkräfte ausschlaggebend, wie sich weiter unten zeigen wird. Muskuläre Bindegewebe, Sehnen, Bändern, Gelenkkapseln gehören zu den Faszien, was die Bedeutung für die Bewegungsfähigkeit unseres Körper erahnen lässt.

Wo finden wir Faszien im Körper?

Fast überall.

Aber ganz so einfach wollen wir es uns doch nicht machen. Zu kompliziert jedoch ebensowenig, weswegen die folgende persönliche Unterteilung eher praktische Gründe hat und einem wissenschaftlichen Diskurs nicht standhalten würde.

  1. Die Haut bedeckt unseren Körper und unter der Oberhaut liegt die erste lockere Faszienschicht (fascia superficialis), die das Unterhautfettgewebe beherbergt – die äußerste Hülle sozusagen. Sie sorgt für Straffheit der Haut und Verschieblichkeit gegenüber den darunter liegenden Strukturen. Ob man tatsächlich von einer einheitlichen faszialen Schicht sprechen kann, ist wissenschaftlich umstritten.
  2. Unterhalb liegt als festere zweite Hülle die tiefe Faszienschicht (fascia profunda). Sie gibt dem Körper Form – eine Hülle, wie ein Taucheranzug.
  3. Darunter sind die Muskeln, einzelne Muskelbündel, ja selbst die Muskelfasern in Faszien verpackt. Die muskulären Bindegewebe (Myofaszien) verlängern und verdicken sich in Sehnen, bilden flächige Strukturen, treten hier und da verdickter, fester zu Tage, sind untereinander sowie mit Bändern und Kapseln verwachsen, doch gleichermaßen voneinander getrennt.
  4. Letztlich sind auch unsere Organe, Organgruppen eingehüllt und gepolstert (viszerale Faszien) und selbst Nerven und Gehirn haben ihr Verpackungsmaterial (meningeale Faszien).

Die Gliederung soll nicht über folgenden Sachverhalt hinweg täuschen: Faszien sind überall verwoben und verbunden, gehen ineinander über und die einzelnen Hüllen verfeinern sich in immer kleiner Einheiten – fast wie die Häute im Inneren einer Limette.

Limette (halb)

Limette (leer)

Damit wird klar, warum in der obigen Definition von einem Netzwerk gesprochen wird. Und es macht deutlich, dass Probleme an einer Stelle des Netzes möglicherweise zu Beschwerden an gänzlich anderem Ort führen können.

Tensegrity

Mit diesem Netzwerkgedanken kommen wir noch einmal auf die Knochen zurück. Diese sind fest und druckstabil, während die Faszien eher auf Zugspannung ausgerichtet sind. Ein Struktur, die druckstabile Komponenten in ein zusammenhängendes Spannungsnetz einbettet, ohne dass sie sich berühren, nennt man Tensegrity-Struktur. Das Wort leitet sich aus ‚tension‘ (Spannung) und ‚integrity‘ (Zusammenhalt) ab. Die Erfindung bzw. eher Entdeckung oder Beschreibung wird Richard Buckminster Fuller, einem Architekten und Designer, zugeschrieben.

Überträgt man das Modell, wäre der menschliche Körper eine komplexe Tensegrity-Struktur, was wieder zeigt, wie Spannungsveränderungen (erhöhter Muskeltonus, Narben, Bänderdehnungen usw.) an ganz anderen Stellen einer solchen Struktur Wirkung zeigen können. Und es hätte die interessante Konsequenz, dass sich bei optimaler Spannung die druckstabilen Komponenten, also die Knochen nicht berühren. Eine interessante Vorstellung, dass wir kein Knochenstapel sind, sondern die Knochen im faszialen System „hängen“. Die Wirbelsäule wäre keine Säule, sondern ein System verspannter Einzelwirbel. Das dies nicht abwegig ist, zeigt das Konzept des Gelenkspalts.

Doch Vorsicht ist angeraten. Es ist ein Modell. Der Nachweis, dass der Körper makroskopisch tatsächlich eine tensegrale Struktur darstellt, ist wissenschaftlich (noch) nicht gelungen. Auf zellulärer Ebene dagegen scheinen Tensegrity-Gesetze zu gelten. Zurück von unserem Ausflug…

Woraus bestehen Faszien?

Aus Wasser. Zu rund zwei Dritteln. Auch wenn wir im Laufe unseres Lebens ein wenig austrocknen, ist es erstaunlich, dass uns gerade Wasser in Form halten soll. Das Wasser ist durch Zucker-Eiweiß-Verbindungen gebunden: Proteoglykane und Glykosaminoglykane für die Chemiker unter uns. Wer sich darunter nichts vorstellen kann, hat aber eventuell schon einmal von Hyaluronsäure gehört, richtiger: Hyaluronan. Nur ein Gramm davon kann bis zu 6 Liter Wasser binden. Wasser und Hyaluronan agieren (sofern im richtigen Verhältnis) wie Schmiermittel und sorgen für die Verschieblichkeit der faszialen Schichten.

In dieser glitschigen Mischung finden wir elastische Fasern: im Wesentlichen aus Kollagen (Eiweiße). Diese Fasern sind je nach Funktion des faszialen Gewebes unterschiedlich angeordnet und beeinflussen die mechanischen Eigenschaften.

Alles zusammen nennt man extrazelluläre Matrix, was darauf hindeutet, dass in die Faszien Zellen eingebettet sind. Zwar machen diese nur 8-9 % des faszialen Gewebes aus, aber sie haben es in sich. Die sogenannten Fibroblasten (in inaktiver Form Fibrozyten) sind die Baumeister der Faszien. Sie erzeugen und zerstören die Bestandteile der extrazellulären Matrix. Immunzellen sorgen für unsere Gesundheit, Ausläufer von Nervenzellen für Wahrnehmung.

Und was hat das mit Bewegung zu tun?

Faszi(e)nierend ist, dass trotz gleicher „Zutaten“ die unterschiedliche Zusammensetzung und Strukturierung der Fasern zu ganz verschiedenen Eigenschaften führt.

Bei den Hüllen um die Muskulatur finden wir häufig eine scherengitterartige Anordnung, die es erlaubt, beim Anspannen einer Muskelgruppe ihrer Verdickung nachzugeben. Die Hüllen haben eine gewissen Dehnfähigkeit und die „wässrige“ Schichtung sorgt für Verschieblichkeit, was Bewegungen überhaupt erst möglich macht.

Entlang der Muskelfasern ist die Dehnfähigkeit nicht so groß – hier steht die Kraftübertragung im Vordergrund. Erst recht im Übergang zu sowie in den Sehnen, wo die Fasern eher parallel angeordnet sind und eine Art festes Zugseil bilden.

In gesunden Faszien weisen die Fasern auch eine wellenartige Struktur auf. Diese führt in Zusammenspiel mit der Verflechtung und der Interaktion mit den anderen Bestandteilen der extrazellulären Matrix zu einem visko-elastischen Verhalten: eine fasziale Struktur kann Zugkräfte übertragen und sie kann Bewegungsenergie aufnehmen und schnellkräftig wieder abgeben, was unser Gehen, Laufen, Springen, Werfen usw. so effizient macht. Doch reagiert sie gleichsam mit Verformung, die ähnlich einem langgezogenen Gummibärchen nur langsam wieder aufgehoben wird. Diese Eigenschaften schauen wir uns im Detail in Folgeartikeln an.

Doch damit nicht genug

Oben wurde bereits die Anbindung an das Nervensystem angesprochen. In das fasziale Gewebe sind unzählige (Mechano-)Rezeptoren eingebettet, die es zu einer reichhaltigen Informationsquelle werden lassen. Das Fasziensystem ist unser größtes Sinnesorgan und man könnte vom sechsten Sinn sprechen. In der Fachsprache: Propriozeption. (Im Grunde auch Interozeption im engeren Sinne, aber auch dazu mehr in einem separaten Artikel.)

Propriozeption ist die Eigenwahrnehmung von Körperbewegung und -lage im Raum und wird durch das Gleichgewichtsorgan im Innenohr und durch die unterschiedlichen Mechanorezeptoren vermittelt. Ohne Propriozeption wäre keine zielgerichtete, sichere, feine, elegante, gefühlvolle Bewegung möglich.

Unsere Faszien haben also großen Einfluss auf unsere Bewegungsfähigkeit. Doch umgekehrt reagieren sie auch auf Bewegung: die Anordnung der Fasern in der extrazellulären Matrix erfolgt über Bewegung und auch die Fibroblasten reagieren auf mechanische Reize mit Ab- oder Aufbau von extrazellulärer Matrix. Und diesen Gedankengang setzen wir im nächsten Artikel zur Trainierbarkeit des faszialen Systems fort.

Wer mehr zum Thema Faszien erfahren möchte, kann gern einen der Workshops oder eine Weiterbildung besuchen – siehe Veranstaltungen.

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